Donnerstag, 14. April 2016

Diskussion: Brauchen Schüler Goethe, Schiller & Co. noch?

Hallo ihr Lieben!

In der letzten Woche war es wieder soweit: Alle Deutsch-Leistungskurse saßen schwitzend vor ihren finalen Klausuren. Da fühle ich mich fast ein Jahr zurückversetzt, wo ich in derselben Situation steckte. Ich habe mich "damals" für eine Klausur zu "Hiob" von Joseph Roth und "Der Prozess" von Franz Kafka entschieden. So manch einer würde jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich fragen: Braucht man sowas denn wirklich?
 
Auch ich habe mir diese Frage schon mehrmals gestellt - gerade bei so altem Stoff wie "Iphigenie auf Tauris" oder "Kabale und Liebe". Häufig hat die Literaturauswahl erstmal für einen kleinen Aufschrei unter uns Schülern gesorgt. Oder es wurde einfach so hingenommen - mit  Lustlosigkeit versteht sich. Ähnlich war es bei mir im Englisch-LK, wo wir "Romeo & Juliet" und "Brave New World" lesen sollten. Ziemlich anspruchsvoll. Ich muss allerdings sagen, dass ich eigentlich immer meinen Spaß daran hatte, mich in eine Geschichte reinzudenken und mich in den Autor und dessen Intentionen hineinzuversetzen. Mag aber auch daran liegen, dass ich nie so wirklich Probleme damit hatte, einen Text (egal ob Lyrik oder Romane) zu analysieren.
 

Cover: Reclam
Auf jeden Fall würde ich mich freuen, heute eine kleine Diskussion (mit Euch) zu führen.
 

 Brauchen Schüler Goethe, Schiller & Co noch?

 

Ja...

Ich persönlich finde, dass die Inhalte, die in den Werken vermittelt werden (sofern man das Werk & die Intention dahinter auch verstanden hat) immer eine gewisse Aktualität haben. Bei "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller geht es um den adeligen Ferdinand von Walter und die bürgerliche Luise, deren Liebe zueinander aufgrund der Standesschranken schier unmöglich erscheint und durch niederträchtige Intrigen zerstört werden soll. Das lässt sich doch auch auf die heutige Zeit übertragen, in der es auch Beziehungen zwischen Menschen aus unterschiedlichen Schichten oder Religionen gibt, die von den unterschiedlichen Familien eventuell so nicht akzeptiert und dadurch eventuell sabotiert werden. Das gleiche Problem beschreibt auch Shakespeare in "Romeo & Juliet", wo ein Streit zwischen zwei Familien dafür sorgt, dass die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten nicht akzeptiert wird. Innerhalb dieser Werke werden schließlich Themen angesprochen, wie Liebe, Hass, Eifersucht und Treue - zeitlose Themen.
 
Ähnlich ist es in "Iphigenie auf Tauris" von Johann Wolfgang von Goethe, wo das Gute im Menschen eine zentrale Rolle spielt und auch philosophische Fragen gestellt/beantwortet werden. Wie soll der Mensch in einer schlechten Welt gut bleiben? Eine Frage, die man sich theoretisch jeden Tag stellen kann. Geht es bei uns nicht auch tagtäglich um Recht oder Unrecht? Lüge oder Wahrheit? Lässt sich ein Betrug mit seinem gewissen Vereinbaren? Fragen, die aktueller nicht sein könnten. Charaktere, mit denen man sich identifizieren kann, deren Beweggründe und Absichten man verstehen kann. Wenn man nur will. Und für mich gehört ein gutes Gespür und Interpretationsfähigkeit einfach zum Können dazu und ergibt für mich das Besondere, weshalb man von "Leistungs"-Kurs spricht. Eine gewisse Abstraktionsleistung sollte dann schon gegeben sein. Ich meine, wie man eine Bewerbung oder ein Anschreiben schreibt, sollte man heutzutage auch schon außerschulisch lernen bzw. in den früheren Klassenstufen.
 
Außerdem finde ich, wenn man einen Deutsch-Leistungskurs oder Englisch-Leistungskurs wählt, sollte man wenigstens zwei oder drei anspruchsvolle Literaturtitel kennen und gelesen haben. Es ist meiner Meinung nach das A und O, dass man dann Autoren wie Thomas Mann, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Bertolt Brecht, William Shakespeare oder George Orwell kennt. Gerade durch diese anspruchsvolle Literatur bekommt man noch einmal ein ganz anderes Sprachgefühl und einen viel differenzierten Wortschatz.
 
 

Cover: Reclam
Außerdem wird in der Schule mittlerweile ja sogar für Abwechslung gesorgt, zumindest war es bei mir der Fall. Wir haben zum Beispiel in der Einführungsphase im Englisch-Kurs "Hunger Games" von Suzanne Collins gelesen. Ich finde, man sollte dann sowohl für neue Literatur als auch für vermeintlich alte Literatur offen sein und Kompromisse eingehen.
 
 

Allerdings...

 
Allerdings verstehe ich auch die Menschen, die sagen, dass ihnen diese Literatur für ihren späteren Job einfach nichts bringt. Wieso brauche ich als Bankkaufmann Goethe? Oder als Mode-Designerin Schiller? Hilft mir Brecht weiter, wenn ich Kundenberater oder Versicherungskaufmann bin? Nein! Und auch der Fakt, dass ich diese Literatur super analysieren kann, wird meinen Job nicht bereichern... zumindest nicht zwangsläufig. Aber für kreative Jobs kann es durchaus von Vorteil sein. Wenn ich beispielsweise Autor werden will - dann kann ich mich viel einfacher in unterschiedliche Charaktere hineinversetzen oder kann besondere Stilmittel verwenden, um die Handlung lebendiger zu gestalten. Außerdem wird mein Sprachgefühl womöglich etwas besser sein. Aber für den Beruf des Autors oder kreativen Schreiberlings werden sich wohl nur die Wenigsten entscheiden. Und trotzdem gehört es mit zur Allgemeinbildung.
 

Fazit

Ich persönlich finde, dass Goethe, Schiller & Co. zu einem Leistungskurs nun mal dazugehören, da man auch eine gewisse Abstraktionsfähigkeit, die schließlich dann die Leistung darstellt, mitbringen muss und sich mit anspruchsvoller Literatur auskennen sollte. Zudem gehört das für mich auch zur Allgemeinbildung dazu, dass man einige der großen Autoren und Werke kennt - unabhängig davon, inwiefern das für den späteren Beruf relevant ist. Zumal die Themen, Fragestellungen und Charaktere nicht immer zwangsläufig veraltet sind und Identifikationsfaktoren beinhalten.
 
 
 
Ich weiß. Das ist wirklich ein brenzliges Thema. Hier gibt es einfach kein richtig oder falsch. Es kommt einfach auf die Meinung an, die man zu diesem Thema hat. Und nun seid ihr gefragt: Was denkt ihr darüber? Schreibt es mir in die Kommentare!!!

Copyright Buch-Cover: Reclam Verlag
 

Kommentare:

  1. Sehr schöner Beitrag, da fühle ich mich als Literaturwissenschaftlerin und Goethe-Liebhaberin direkt angesprochen.

    Meiner Meinung nach, werden Klassiker in der Schule ganz oft tot-analysiert. Bei mir war es damals so mit "Emilia Galotti", wir konnten den Text nachher fast auswendig, weil gefühlt jede Seite einzeln besprochen und analysiert wurde.
    In einen Deutsch LK gehören die Klassiker auf jeden Fall, im Gk und in der Mittelstufe sollten sie in begrenzter Anzahl gelesen werden, sozusagen zum "reinschnuppern", da sie nun mal zum Deutschen Kulturgut gehören, finde ich. Aber dieses "Was wollte uns der Autor damit sagen?" geht echt etwas zu weit.

    LG Julia

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Julia!

      Vielen Dank für Dein Kompliment. Sehr schön, die Meinung einer echten Literaturwissenschaftlerin zu lesen.

      Bei mir im Deutsch LK war das zum Glück anders. Wir haben uns häufig 3-4 wichtige Aspekte aus einem Roman ausgesucht und uns auf diese konzentriert. Häufig haben wir auch nur 2-3 wichtige Schlüsselszenen analysiert und das Werk dann privat komplett gelesen. Dadurch hatte man auch nicht diesen Analyse-Overkill. Meistens haben wir auch noch die Biografie des Autors einbezogen, was immer sehr spannend war.

      Meine Meinung, inwiefern diese Werke in der Schule gelesen werden sollten, deckt sich ungefähr mit Deiner! :)

      Vielen Dank für diesen tollen, konstruktiven Kommentar!

      Liebe Grüße
      - Peter

      Löschen
  2. Ich habe ebenfalls Literatur studiert und dabei meinen persönlichen Schwerpunkt auf Kafka gelegt. Grundsätzlich bin ich nicht der Ansicht, dass der Umgang mit Literatur einem im späteren Leben als Banker, Versicherungsvertreter oder Ingenieur nichts nutzt. Natürlich wird man in den meisten Berufen niemals nach der Handlung von "Die Verwandlung" gefragt oder muss einem Kunden erklären, was die Ringparabel in "Nathan der Weise" bedeutet, aber durch die Auseinandersetzung mit Literatur lernt man weit mehr als nur diese einzelnen Werke an sich. Man lernt sehr viel über Sprache, über Geschichte, über Philosophie, etc. Durch Literatur kann sich Sprachgefühl besser entwickeln als nur durch formhelhafte Grammatikübungen. Auch Geschichte prägt sich durch Literatur viel besser ein. "Im Westen nichts Neues" im Deutschunterricht paralell zum Thema Erster Weltkrieg in Geschichte finde ich sehr effektiv. Ich sehe Literatur einfach als "Allgemeinwaffe" (das soll jetzt keine Anspielung auf den WK sein), die sehr viel mehr lehrt als ihren reinen Gegenstand an sich.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Maret! :)

      Vielen lieben Dank an Dich. Schön, auch Deine Meinung zu diesem Thema zu hören.

      Klar, als eine Art "Allgemeinwaffe" ist es sicherlich nicht schlecht. Auch für den Alltag. Ich sehe es auch so, dass diese Art von Literatur sich definitiv positiv auf das Sprachgefühl auswirkt und man sehr viel über Sprache, Geschichte & Philosophie lernen kann.

      Trotzdem verstehe ich aber auch den Standpunkt anderer, die der Meinung sind, dass es für den späteren beruflichen Weg nicht so viel bringt... abgesehen von den oben beschriebenen positiven Auswirkungen...

      LG an Dich!
      - Peter

      Löschen